90. Jahrgang Heft 4 2007
Aus dem Inhalt
Artikel
»... dann habe ich ihm auch schon eine geschmiert.«
Autoritätserhalt und Eskalationsangst als Ursachen polizeilicher Gewaltausübung
von Thomas Feltes, Astrid Klukkert und Thomas Ohlemacher
Zusammenfassung
Die Polizei ist die zentrale Institution in der modernen Gesellschaft, die in Ausübung des staatlichen Gewaltmonopols bereit und berechtigt ist, physische Gewalt gegenüber Bürgern anzuwenden (vgl. Feltes 2006). Die Gesetze ermöglichen ihr diese Gewaltanwendung nicht nur, sie verlangen sie auch in bestimmten Situationen. Die Polizei ist darauf eingestellt, dafür ausgebildet und ausgerüstet. Doch sind Ausbildung und Ausrüstung auch ausreichend, um das angestrebte zivilisatorische Minimum an Gewaltausübung von Polizei und Bürgern sicher zu stellen? Die Anwendung von Gewalt durch Polizeibeamte ist zwar ebenso wie Gewalt gegen Polizeibeamte weltweit ein seltenes und außergewöhnliches Ereignis. Dennoch kann es im Prinzip jederzeit zu Gewalthandlungen kommen – immer dann, wenn Polizei und Bürger miteinander in Kontakt treten. Zwar sind die meisten dieser Begegnungen gewaltfrei, aber diejenigen, die mit Gewaltanwendung enden, sind unter Umständen Anlass für Diskussionen und spätere Ermittlungs- und ggf. auch Strafverfahren. Der folgende Beitrag befasst sich mit Gewalt durch Polizeibeamte, ihrer empirischen Erforschung und theoretischen Analyse, ihrer Prävalenz sowie ihrer individuellen und kollektiven Legitimation – letzteres anhand eines in den Jahren 2004/2005 am Lehrstuhl für Kriminologie und Polizeiwissenschaft der Ruhr-Universität Bochum durchgeführten und von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanzierten Forschungsprojektes.
Schlüsselwörter: Polizeigewalt, Polizeikultur, Rechtfertigung von Gewalt durch Polizeibeamte, Fokusgruppeninterviews
S. 285-303
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Justizieller Zwang, Motivation und Therapieerfolg
Eine Evaluationsstudie
von Barbara Gegenhuber, Wolfgang Werdenich und Ilse Kryspin-Exner
Zusammenfassung
Im Rahmen des europäischen Forschungsprojekts »QCT-Europe« wurde die Wirksamkeit von Quasi-Zwangsmaßnahmen als Alternative zur Strafverfolgung für drogenabhängige Straftäter systematisch evaluiert. In sechs österreichischen Therapiestationen wurden 150 »Freiwillige« und Klienten und Klientinnen mit Therapieauflage kurz nach Behandlungsbeginn und 18 Monate danach mit standardisierten Interviews befragt. Es zeigte sich, dass sich Klienten mit Therapieauflage hinsichtlich des Behandlungsverlaufs und -erfolgs kaum von »Freiwilligen« unterscheiden. Die Ergebnisse bieten eine Unterstützung für die Anwendung gesundheitsbezogener Maßnahmen für drogenabhängige Straftäter.
Schlüsselwörter: Therapie statt Strafe, Evaluation, Motivation, Therapieerfolg
S. 304-316
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Kriminologische und diagnostische Merkmale von Häftlingen mit angeordneter Sicherungsverwahrung
von Elmar Habermeyer, Peter Puhlmann, Daniel Passow und Knut Vohs
Zusammenfassung
Mit Förderung der DFG wurden Gutachten und Urteilssprüche aus 100 Verfahren ausgewertet, die zwischen 1991 und 2001 in NRW zur Anordnung der Sicherungsverwahrung geführt haben. Beim Großteil der zur Sicherungsverwahrung verurteilten Delinquenten handelt es sich um rezidivierende Straftäter mit Gewalt- und/oder Sexualstraftaten. Drei Viertel der Insassen weisen psychische Auffälligkeiten, zumeist Persönlichkeitsakzentuierungen bzw. -störungen auf. Dadurch ergeben sich Abgrenzungsprobleme zu den forensisch-psychiatrischen Maßregeln. Die Mindestanforderungen, die von einer interdisziplinären Arbeitsgruppe am BGH für die Begutachtung von Persönlichkeitsstörungen formuliert wurden, können jedoch dazu beitragen, Probanden mit schuldfähigkeitsrelevanten psychischen Störungen zu identifizieren. Die Sicherungsverwahrung sollte schwerpunktmäßig für Berufsverbrecher und schuldfähige Wiederholungstäter mit antisozialen Zügen Anwendung finden.
Schlüsselwörter: Sicherungsverwahrung, Schuldfähigkeit, Forensische Psychiatrie, Persönlichkeitsstörungen
S. 317-330
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Zur Manipulierbarkeit von Affektdelikten
von Andreas Marneros
Zusammenfassung
»Affektdelikte« bzw. Affekttaten stellen einen der problematischsten Bereiche der forensischen Tätigkeit dar und werden seit vielen Jahrzehnten kontrovers diskutiert. Wir haben sie von den »Impulstaten« getrennt und aus dem engen Korsett des juristischen Konstruktes »tiefgreifende Bewusstseinsstörung« herausgelöst. Doch häufig bleiben Unklarheiten im Zusammenhang mit der Beantwortung der triadischen Frage »Schuldfähigkeit? Verminderte Schuldfähigkeit? Schuldunfähigkeit?«, die zwar der Richter vorzunehmen hat, der sich dabei aber auf das fachliche Urteil des psychiatrischen Sachverständigen stützt. Stellt dieser auf Grund von indiziellen Erscheinungen und Orientierungsmerkmalen eindeutig eine Affekttat fest, dann ist in der Regel eine erhebliche Beeinträchtigung der Steuerungsfähigkeit anzunehmen. Bei Affekttaten mit tödlichem Ausgang steht aber der psychiatrische Sachverständige vor dem Problem des Informationsmonopols des Täters. Als einziger Zeuge des Geschehens kann dieser die Beschreibung der Tatsituation zu seinen Gunsten manipulieren und bestimmte Aspekte des Affektdeliktes vortäuschen, wie in einem einzigartigen Fallbeispiel demonstriert wird. Insofern muss die Empfehlung des psychiatrischen Sachverständigen an das Gericht immer unter der Bedingung erfolgen: »... falls die vom Täter gemachten Angaben den Tatsachen entsprechen ...«.
Schlüsselwörter: Affekttat, Impulstat, tiefgreifende Bewusstseinsstörung, Schuldfähigkeit, Informationsmonopol
S. 331-340
Mitteilungen
Privatisierung in der Strafrechtspflege
Fachtagung der Kriminologischen Zentralstelle Wiesbaden (KrimZ) vom 3.-4.12.2007 in Wiesbaden
S. 341
Crime, Crime Prevention and Communities in Europe
7th Annual Conference of the European Society of Criminology, September 26-29, 2007 in Bologna/Italy
S. 341
Buchbesprechungen
Baechtold, Andrea
Strafvollzug - Straf- und Maßnahmenvollzug an Erwachsenen in der Schweiz
Stämpfli Verlag, Bern 2005, 340 Seiten, SF 82,-, € 54,20
S. 342-344
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Lindner, Andrea
100 Jahre Frauenkriminalität
Die quantitative und qualitative Entwicklung der weiblichen Delinquenz von 1902 bis 2002
Peter Lang Europäischer Verlag der Wissenschaften, Frankfurt am Main u.a. 2006, 289 Seiten, € 51,50
S. 344-347
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Wößner, Gunda
Typisierung von Sexualstraftätern
Ein empirisches Modell zur Generierung typenspezifischer Behandlungsansätze
Kriminologische Forschungsberichte des Max-Planck-Instituts für ausländisches und internationales Strafrecht, Band K 132, Duncker & Humblot, Berlin 2006, 211 Seiten, € 31,-
S. 347-350