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  Interview - DRiZ 1998, 460 - 
 

»Der Frieden ist in weiter Ferne«

 

Die Situation in Kolumbien und die Tätigkeit des DRB-Hilfsfonds - Ein Gespräch mit Pater Ulrich Kollwitz*

 redaktioneller Beitrag
 
 

Pater Ulrich Kollwitz ist Steyler Missionar. Er arbeitet seit Über 20 Jahren in Kolumbien. 1992 wurde er Mitglied der Kommission für Menschenrechte der kolumbianischen Ordensleute und gehört auch seitdem dem Vorstand von FASOL, der Stiftung des Deutschen Richterbundes, an.

 
 

DRiZ: Pater Kollwitz, von Europa aus hat man den Eindruck, daß Kolumbien sich in einem Zustand permanenter Gesetzlosigkeit, ja Anarchie befindet. Gewalt und Terror scheinen alle Lebensbereiche zu prägen.

driz98_11_460_bKollwitz: Man muß differenzieren: Große Teile der Bevölkerung sind dauernd dem Terror ausgesetzt. Hierzu gehört vor allem die Landbevölkerung, die massenweise vertrieben wird; es gibt über eine Million Vertriebene in Kolumbien. Weiter gehören dazu Gewerkschaftsmitglieder, Mitglieder von Oppositionsparteien, viele Mitarbeiter des Justizapparates und natürlich Leute, die mit Menschenrechtsarbeit zu tun haben. Diese Bevölkerungsgruppen sind im Grunde permanent Verfolgungs- und Einschüchterungsmaßnahmen ausgesetzt. Aber auf der anderen Seite funktionieren viele Dinge scheinbar normal: Die Wirtschaft ist trotzt der angespannten Lage nicht zusammengebrochen, auch der Verkehr und das Dienstleistungssystem funktionieren.

DRiZ: Was haben die in diesem Sommer in Deutschland geführten Verhandlungen zwischen der kolumbianischen Regierung und der Guerillaorganisation ELN (Ejercito Liberation Nacional) bewirkt?

Kollwitz: Schon das Wort Friedensverhandlungen ist eigentlich viel zu hoch gegriffen. Ich habe aus erster Quelle erfahren, worum es dabei ging. Es war nur ein Gespräch zwischen einer Guerillagruppe der ELN - das ist die zweitgrößte Guerillagruppe in Kolumbien - mit Vertretern der Zivilgesellschaft. Es war eine erste Annäherung, um in Zukunft zu Friedensgesprächen zu kommen. Das einzige, was bei diesen Gesprächen erreicht wurde, ist ein Abkommen mit der ELN. In Zukunft will diese auf besonders schlimme Menschenrechtsverletzungen verzichten. Sie hat sich verpflichtet, z.B. keine Minderjährigen, keine Alten und keine schwangeren Frauen mehr zu entführen. Wenn man nicht mit kleinen Schritten anfängt, wird man nie zu größeren Erfolgen kommen, aber der Frieden ist in Kolumbien noch in weiter Ferne.

DRiZ: Was müßte denn passieren, damit es in Kolumbien zu einer wirklich inneren Befriedung kommt?

Kollwitz: Zumindest müßte ein Konsens darüber erzielt werden, daß alle beteiligten Gruppen an einen Verhandlungstisch kommen. Das ist schon schwierig genug. Derzeit wollen die paramilitärischen Gruppen als politische Kraft anerkannt werden, und die Guerilla und viele Oppositionsgruppen stehen auf dem Standpunkt, daß das unmöglich zugelassen werden kann. In Wirklichkeit erledigt ein heimlicher Arm der Streitkräfte die schmutzige Arbeit, die die Streitkräfte offiziell natürlich nicht machen dürfen. Ich denke, man muß zäh und ausdauernd weiter verhandeln. Vor allem muß der Druck der Bevölkerung in allen sozialen Schichten immer mehr zunehmen; die Bevölkerung muß sagen: Wir sind den Krieg leid.

DRiZ: Ist die Justiz institutionell so fest verankert und genießt sie bei der Bevölkerung hinreichend Akzeptanz, daß ihr bei der Herstellung innerer Stabilität eine substantielle Rolle zufallen könnte?

Kollwitz: De iure ist die kolumbianische Justiz als Institution durchaus sehr stark. In der Bevölkerung dominiert jedoch der Eindruck, daß sie nicht funktioniert, oder anders gesagt: Sie funktioniert nur für die Reichen, die Armen haben keine Chance, Recht zu bekommen. Reiche, die sich Verbrechen zuschulden kommen lassen, werden normalerweise nicht belangt, weil sie Geld haben und sich damit Straffreiheit erkaufen können. Ein anderes Privileg sind z. B. die bekannten Sondergefängnisse für Drogenbarone.

In den letzten Jahren ist es auch immer mehr dazu gekommen, daß Ermittlungen in Strafsachen sich allein auf Zeugenaussagen beschränken. Wenn es keine Zeugen gibt, die zu einer Aussage bereit sind, dann wird auch auf keinem anderen Weg ermittelt. Das liegt weniger daran, daß die Ermittlungsbeamten und Staatsanwälte ihre Aufgaben nicht ernst nehmen würden - sie haben häufig einfach Angst. Das hängt eben mit der ganzen Gewaltsituation zusammen, mit den vielen Fällen von Bedrohungen und gewalttätigen übergriffen gegen Justizangehörige, die in den letzten Jahren vorgekommen sind. Jeder denkt zuerst ans eigene Überleben.

DRiZ: Wie beurteilen Sie die aktuelle Gefährdungslage der Justizangehörigen?

Kollwitz: Gerade im Laufe dieses Jahres sind wieder erschreckend viele neue Gefährdungsfälle dazugekommen, so daß man durchaus sagen kann: Die Mitarbeiter der Justiz sind insgesamt stark gefährdet. Vor allem betrifft das diejenigen, die mit Fällen von Menschenrechtsverletzungen zu tun haben, in die Angehörige der Staatsgewalt, des Militärs, der Polizei oder anderer Sicherheitsorganisationen verwickelt sind. Gefährdet sind aber auch Justizangehörige, die in Regionen arbeiten, in denen die Drogenbarone das Sagen haben. Es gibt immer mehr Krisenregionen im Land. In diesen Regionen, z. B. in Cali, regiert die blanke Angst.

DRiZ: Als der Deutsche Richterbund vor neun Jahren seinen Kolumbien-Hilfsfonds aufgelegt hat, hatte man die Hoffnung, daß er nach einem Überschaubaren Zeitraum überflüssig werden könnte. Aus heutiger Sicht stellt sich das ganz anders dar. Spenden die deutschen Kolleginnen und Kollegen sozusagen in ein Faß ohne Boden?

Kollwitz: Es wäre schlimm, wenn dieser Eindruck entstände. Es wird sicher noch lange dauern, bis in Kolumbien Frieden herrscht. In letzter Zeit ist aber immer stärker zu spüren, daß alle Bevölkerungsschichten Frieden wollen und militärische Positionen ihre Legitimation verlieren. Wenn es gelingt, die im Untergrund vorhandenen illegalen Gewaltstrukturen zu beseitigen, wird die Situation sich entspannen. Auch für die Justiz wird sich dann die Lage mit Sicherheit verbessern.

DRiZ: Birgt die Existenz des Fonds nicht die Gefahr, daß der kolumbianische Staat sich darin bestärkt sieht, die Sorge um unverschuldet mittellos gewordene Staatsbedienstete bzw. deren Hinterbliebene anderen - in diesem Fall ausländischen Berufskollegen - zu überlassen?

Kollwitz: Dazu zwei Bemerkungen: FASOL setzt sich mit Nachdruck dafür ein, daß alle Opfer beim Staat ihre Rechte einklagen. Ein Teil der Hilfen wird auch gerade dafür eingesetzt, daß die Leute die Möglichkeit haben, ihre Entschädigungsforderungen einzuklagen. Das dauert oft sehr lange. Deshalb sind die überbrückungshilfen wichtig. Viele Opfer haben aber auf diese Weise tatsächlich Entschädigungsleistungen erhalten. Zweitens: Wir müssen beharrlich auch auf die Komplizenschaft des kolumbianischen Staates hinweisen. Wenn das gerade auch der Richterbund tut, wird das auf Dauer Wirkung zeitigen. Der Staat kann so dazu gebracht werden, sich selbst mehr um die Opfer zu kümmern. Aber das setzt Beharrlichkeit und einen langen Atem voraus.

DRiZ: Was hat der DRB-Fonds in den letzten Jahren bewirken können? In welchen Bereichen werden gegenwärtig die Mittel des Hilfsfonds vorrangig eingesetzt?

Kollwitz: Unzweifelhaft hat allein die Existenz des Hilfsfonds sehr viel bewirkt: Die Opfer erfahren Solidarität, moralische und praktische Unterstützung. Der Zusammenhalt der Opferfamilien untereinander ist gewachsen. Sie stützen sich gegenseitig, was psychologisch sehr wichtig ist.
Hinzu kommt die materielle Unterstützung: überwiegend finanziert der DRB-Hilfsfonds Stipendien und Schulgelder. Das war ja schon von Anfang sein erstes Anliegen. Aber auch die gezielte psychologische Betreuung traumatisierter Opfer, die regelmäßigen Treffen der Opferfamilien haben viel Positives bewirkt, um die Menschen auf ihre eigenen Füße zu stellen und ihnen Zukunftsperspektiven zu geben. Ich denke z. B. an eine Witwe, die sich vor Jahren völlig verängstigt in sich selbst zurückgezogen hatte. Inzwischen begleitet sie andere Witwen und hilft ihnen, wenn diese ihre Pensionsansprüche geltend machen.

DRiZ: Der Hilfsfonds des DRB speist sich aus Spenden der deutschen Richter und Staatsanwälte. Haben Sie eine persönliche Botschaft an die Kolleginnen und Kollegen hierzulande?

Kollwitz: Ich kann nur noch einmal wiederholen, wie wichtig es ist, daß diese Solidarität, die jetzt seit neun Jahren gelebt wird, nicht abbricht. Sie muß auch in der Überschaubaren Zukunft praktiziert werde. Ich möchte alle deutschen Richter und Staatsanwälte und die gesamte Öffentlichkeit darum bitten, sich über die Situation in Kolumbien auf dem laufenden zu halten. Kolumbien darf nicht vergessen werden.


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