Heft 5/1998
Aus dem Inhalt
Hans Joachim Schneider 70 Jahre
Am 14. November 1998 wird Prof. Dr. Dr. h.c. Hans Joachim Schneider 70 Jahre alt. Der Jubi-lar gehört zu den (wenigen) Kriminologen unseres Landes, die weit über Deutschlands Grenzen hinaus bekannt sind. Das hat nicht nur mit zahlreichen Vortragsreisen in Länder aller Kontinente der Erde zu tun, sondern auch mit der Übernahme internationaler fachspezifischer Leitungsfunktionen und mit wissenschaftlichen Beiträgen in ausländischen Fachzeitschriften in französischer, englischer, polnischer, ungarischer und russischer Sprache. Sein großes Kriminologiebuch (1987) ist 1990 auch in chinesischer Sprache in Peking und 1994 in russischer Sprache in Moskau erschienen.
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In memoriam Marvin Eugene Wolfgang
Am Ostersonntag (12. April 1998) ist im Krankenhaus der Universität von Pennsylvanien in Philadelphia nach kurzer schwerer Krankheit Marvin E. Wolfgang gestorben. Er folgte seinem geliebten und verehrten Mentor Thorsten Sellin, der im Jahre 1994 verstorben war, nur wenige Jahre später nach. Noch im Oktober 1997 hatte die "Neue Kriminologische Gesellschaft" Marvin Wolfgang auf ihrer Tagung in Halle/Saale mit der Beccaria-Medaille in Gold geehrt. Wolfgang war Professor für Kriminologie und Recht und Direktor des Sellin-Zentrums für Forschungen in Kriminologie und Strafrecht der "Wharton School" an der Universität von Pennsylvanien in Philadelphia.
Abhandlungen
Eine experimentelle Überprüfung der "General Theory of Crime" von Gottfredson und Hirschi
von Detlef Fetchenhauer und Josef Simon
Zusammenfassung
1990 haben die beiden amerikanischen Kriminologen Gottfredson und Hirschi ihr Buch "A General Theory of Crime" vorgelegt, in dem sie den Versuch unternehmen, eine allgemeine Theorie kriminellen Verhaltens zu entwerfen, die auf beliebige Delikte und Täter anwendbar sein soll und insofern sämtliche bislang vorliegenden Kriminalitätstheorien für obsolet erklärt. Gemäß der Theorie von Gottfredson und Hirschi ist kriminelles Verhalten die Folge niedriger Selbstkontrolle der Täter. Diese führt dazu, daß Kriminelle in ihrem Verhalten vor allem von den kurzfristigen (positiven) Folgen krimineller Handlungen beeinflußt werden, die später einsetzenden (negativen) Folgen ihres Verhaltens jedoch weitgehend vernachlässigen. In diesem Beitrag werden zunächst die wesentlichen Aussagen der Theorie und die Befunde bislang vorliegender empirischer Überprüfungen diskutiert. Im Anschluß daran wird die Theorie einer ersten experimentellen Überprüfung unterzogen, in dem Versuchspersonen unter verschiedenen experimentell kontrollierten Bedingungen die Gelegenheit zu betrügerischem Verhalten gegeben und dieses Verhalten mit der zuvor mittels Fragebogen erhobenen Selbstkontrolle der Versuchspersonen korreliert wurde.
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Der gegenwärtige Stand der kriminologischen Opferforschung
Kongreß- und Literaturreferat über das letzte Jahrzehnt
von Hans Joachim Schneider
Zusammenfassung:
Im letzten Jahrzehnt sind vier internationale viktimologische Symposien veranstaltet worden: in Jerusalem 1988, in Rio de Janeiro 1991, in Adelaide/Australien 1994 und in Amsterdam 1997. Über die Beratungsergebnisse dieser Symposien und über die wichtigste Literatur der kriminologischen Opferforschung im letzten Jahrzehnt wird zusammenfassend berichtet. Es wird auf die empirische Opferforschung und auf das internationale wie nationale Opferrisiko in Deutschland eingegangen. Vier Opfergruppen werden als Beispiele näher untersucht: die Fremden, die Frauen (Vergewaltigung), die Kinder (sexueller Mißbrauch) und die alten Menschen (körperliche Mißhandlung). Den Ursachen des Opferwerdens wird nachgegangen: der sozialstrukturellen, kulturellen und institutionellen Viktimisierung. Das Konzept der Opferpräzipitation, das Lebensstil-, Routine-, Gelegenheits-Modell und die Routine-Aktivitäts-Theorie werden diskutiert. Bei der Erörterung der Opferschäden werden die psychischen und sozialen Nachteile unterstrichen. Die Schäden des indirekten Opfers (Mit-Opfers) werden hervorgehoben. Die Opfer-Täter-Abfolge wird in ihrer Bedeutung eher abgeschwächt. Bei der Opferrückfälligkeit wird das Modell der Opferkarriere entwickelt. Die Verfassungs- und Verfahrensrechte der Opfer und der potentiellen Opfer werden herausgearbeitet. Opferhilfs- und -behandlungsmethoden werden dargestellt. Der Bericht schließt mit einer Bewertung der Kritik an der kriminologischen Opferforschung.
Bericht
Kriminalität, Prävention und Kontrolle
Fachtagung der Neuen Kriminologischen Gesellschaft, 9. - 11. Oktober 1997 in Halle
von Claudius Geisler
Die Neue Kriminologische Gesellschaft (NKG) veranstaltete vom 9. bis 11. Oktober 1997 in Halle eine wissenschaftliche Fachtagung. Es handelte sich um die erste große öffentliche Fachtagung zur Kriminologie in den neuen Bundesländern. Eingeladen hatte die am 1. Juli 1993 neu gegründete hallische Juristenfakultät der Martin-Luther-Universität, deren damaliger Dekan Prof. Dr. Dieter Rössner (jetzt: Universität Marburg) die Tagung ausrichtete und im Tagungsjahr zugleich auch das Amt des Präsidenten der Neuen Kriminologischen Gesellschaft innehatte. Die Fachtagung, die ganz im Zeichen ihres anspruchsvollen Generalthemas "Kriminalität, Prävention und Kontrolle - Entwicklung und Prognosen in Deutschland und in Europa" stand, umfaßte ein überaus breitgefächertes Spektrum von Referaten und Beiträgen. Deren inhaltlicher Reichtum kann im Rahmen eines Tagungsberichts nur selektiv-summarisch und noch dazu allein aus einer höchst subjektiven Sicht gewürdigt werden (einen näheren Einblick gewährt der Tagungsband, der noch 1998 veröffentlicht werden soll). Dabei ist es unvermeidlich, daß ein solcher zusammenfassender Bericht nur sehr knappe Hinweise auf die hervorragende Organisation und das gelungene Rahmenprogramm enthält; die Teilnehmer der Tagung schulden Herrn Rössner und seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern für ihre erheblichen Bemühungen großen Dank.
Diskussionen
Der neue Umgang mit Sexualstraftätern - eine Zwischenbilanz
von Axel Boetticher
Zusammenfassung
Der Beitrag stellt eine überarbeitete Fassung der im November 1997 abgegebenen Stellungnahme der Strafrechtskommission der Bundesfachgruppe Richterinnen und Richter, Staatsanwältinnen und Staatsanwälte und der Bundesfachgruppe Justizvollzug zum Entwurf des am 26. Januar 1998 weitgehend in Kraft getretenen Gesetzes zur Bekämpfung von Sexualdelikten und anderen gefährlichen Straftaten (BGBl I S. 160) dar.
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Stellungnahme zum "Gesetz zur Bekämpfung von Sexualdelikten"
von der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung
Mitteilungen
Symposium "Psychosoziale Betreuung von Opferzeugen in Strafprozessen"
13. - 14. November 1998, Medizinische Einrichtungen der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
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Fachtagung "Geschlossene Heime: Wundermittel der Jugendhilfe gegen Kinder- und Jugendkriminalität?"
18. bis 19. Januar 1999, Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e.V. (ISS), Frankfurt am Main
In Zusammenarbeit mit der Internationalen Gesellschaft für erzieherische Hilfen (IGfH), der Landesarbeitsgemeinschaft der Heimträger in Hessen und des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen (LWV)
Buchbesprechung
Feest, Johannes/Lesting, Wolfgang/Selling, Peter:
Totale Institution und Rechtsschutz
Eine Untersuchung zum Rechtsschutz im Strafvollzug
Westdeutscher Verlag, Opladen/ Wiesbaden 1997, kart. 252 S., DM 52,-.