Home  >  Das aktuelle Heft
Die Zeitschrift
Hinweis für Autoren
Das aktuelle Heft
Das Archiv
Drucken

 

93. Jahrgang  Heft 4  (August)  2010

 

Inhalt

 


Editorial

Werden Mädchen immer gewalttätiger?
Aktuelle Befunde und Erklärungsansätze zu Mädchengewalt

von Dietrich Oberwittler

 

»Die Täter werden immer jünger und brutaler – und sie sind Mädchen. Längst versuchen weibliche Gewalttäter mit männlichen gleichzuziehen«

(Berliner Zeitung vom 3.4.2003).

 

Sensationsheischende Meldungen über Gewalt von Mädchen und Mädchenbanden fügen der periodisch aufflackernden Berichterstattung über Jugendkriminalität eine weitere Facette hinzu. Dem beim Thema Jugendkriminalität ohnehin geltenden Generalverdacht des »immer mehr« und »immer schlimmer« gesellt sich in Bezug auf Mädchen häufig die Annahme hinzu, dass deren strafbares Verhalten im Vergleich zu dem der Jungen überproportional ansteigt und es dadurch zu einer tendenziellen Angleichung der Geschlechtsunterschiede in der Jugendkriminalität kommt.

 

Es gehört zum kriminologischen Grundwissen, dass eine dramatisierende öffentliche Wahrnehmung der Jugendkriminalität stets auch ein diffuses Unbehagen über gesellschaftliche Entwicklungen und Missstände artikuliert[1]. In diesem Sinne könnten Befürchtungen über eine Zunahme von Mädchengewalt besondere Sorgen über die Auflösung der gewohnten gesellschaftlichen Ordnung signalisieren, denn »weiblich« und »Gewalt« gelten weithin als natürlicher Widerspruch. Insofern in der öffentlichen Wahrnehmung die angebliche Angleichung des Gewaltverhaltens von Mädchen und Jungen mit einer Auflösung traditioneller Geschlechtsunterschiede verbunden ist, mag andererseits auch die Vorstellung einer – wenn auch fehlgeleiteten – Emanzipation der Mädchen von traditionellen weiblichen Rollenmustern mitschwingen. Dies ist durchaus auch ein Blickwinkel, unter dem Gewalt von Mädchen in der Wissenschaft häufiger diskutiert wird. So spärlich und unbefriedigend die Forschungslage zu Gewalt und abweichendem Verhalten von Mädchen bislang ist, das Thema eignet sich sehr gut, um unterschiedliche und teils als kontrovers wahrgenommene Grundströmungen in den Sozial- und Verhaltenswissenschaften zu beleuchten.

 

Aber gibt es überhaupt empirisch belastbare Anhaltspunkte für ein »Aufholen« der Mädchen bei der Neigung zu physischer Gewalt? Soweit man dies an der offiziell registrierten Gewaltkriminalität festmachen möchte, beruht diese Annahme auf einer Fehlinterpretation der Polizeilichen Kriminalstatistik. Am Beispiel der Tatverdächtigenbelastungsziffern (TVBZ) der männlichen und weiblichen Jugendlichen für gefährliche und schwere Körperverletzung sei dies kurz erläutert:

 

Die TVBZ der Jungen stieg zwischen 1987 und 2008 von 410 auf 1688, die der Mädchen von 56 auf 399. Der relative Anstieg bei den Mädchen (7,1-fach seit 1987) erscheint noch dramatischer als der der Jungen (4,1-fach seit 1987), und auch der Prozentanteil der Mädchen an allen jugendlichen Tatverdächtigen hat sich in diesem Zeitraum von 11,5 % auf 19,3 % deutlich erhöht. Aber zum einen liegt das Gewaltniveau der Mädchen damit immer noch unter einem Fünftel des Niveaus der Jungen, und zum anderen stellen die relativen Zuwächse ein statistisches Artefakt kleiner Zahlen dar. Denn von einer sehr niedrigen Ausgangsrate aus erscheinen gleiche Zuwächse als bedeutsamer als von einer hohen[2]. Betrachtet man demgegenüber die Entwicklung der absoluten Anzahl der Tatverdächtigen oder auch der bevölkerungsbasierten Raten, so erkennt man, dass die Schere zwischen Jungen- und Mädchengewalt in den letzten beiden Jahrzehnten sogar noch weiter aufgegangen ist. Während die TVBZ der Jungen 1987 »nur« um 354 Punkte über der der Mädchen lag, erhöhte sich der Abstand bis 2008 auf 1290 Punkte. Die registrierte Gewaltkriminalität von Jungen hat also ungleich stärker zugenommen als die von Mädchen.

 

Astronomische Anstiege registrierter Jugendgewalt um das 4- bzw. 7-fache deuten ohnehin darauf hin, dass die Hintergründe dieser Entwicklung zu einem erheblichen Teil in einem veränderten Anzeige- und Registrierungsverhalten zu suchen sind[3]. Die wenigen verfügbaren Dunkelfeldstudien zu Jugendgewalt im Zeitverlauf zeigen erstens, dass der Abstand zwischen Mädchen und Jungen bei der Ausübung physischer Gewalt geringer ist als er im polizeilichen Hellfeld erscheint, und zweitens, dass der Trend der Jugendgewalt im letzten Jahrzehnt fallend war, allerdings bei Jungen etwas deutlicher als bei Mädchen[4].

 

Damit bleibt ein deutlicher Geschlechtsunterschied in der Anwendung physischer Gewalt – wie in den meisten Formen strafbaren Verhaltens – als ein äußerst robuster Befund bestehen, der in der Vergangenheit zu einer Vernachlässigung von Mädchengewalt und -kriminalität als Forschungsthema geführt hat. Wichtige Kohortenstudien wie die »Cambridge Study in Delinquent Development«[5] haben erst gar keine Mädchen aufgenommen. Demgegenüber nutzen Moffitt und Kollegen[6] die neuseeländische »Dunedin Longitudinal Study« zu einem systematischen Geschlechtervergleich mit dem Ergebnis, dass es in den Verlaufsformen und Bedingungsfaktoren von Gewalt keine wesentlichen Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen gibt, und dass der größte Teil der Geschlechtsunterschiede in der Gewalt durch entsprechende Niveauunterschiede in einer Reihe von Risikofaktoren – mit Ausnahme familiärer Belastungen – erklärt werden kann. Auch qualitative Studien zu Mädchengewalt, die eher von der Prämisse einer sozial-kulturellen Bedingtheit von Geschlechtsrollen ausgehen, haben weitgehend die gleichen biographischen Belastungsfaktoren als Erklärung für Gewalt bei Mädchen gefunden, die bereits aus Studien zu »männlicher« Gewalt bekannt sind[7].

 

Demnach ist Gewalt eine geschlechtsübergreifende Handlungsressource, die der Kompensation von Ohnmachts- und selbstwertzerstörenden biographischen Erfahrungen dienen kann, und die in marginalisierten sozialen Kontexten und Gleichaltrigengruppen verstärkt und habitualisiert wird. Insbesondere Mädchen sind auf die positive Verstärkung von Gewaltorientierungen im Freundeskreis angewiesen[8] und reagieren stärker auf Kontexteinflüsse sozialräumlicher Benachteiligungen als Jungen[9]. Trotz der unbestreitbaren Bedeutung sozialer Faktoren für die Verbreitung von Gewalt lässt sich jedoch im Rahmen interdisziplinärer und integrativer Theorieansätze auch die Bedeutung neurobiologischer Faktoren für die Erklärung der robusten Geschlechtsunterschiede im Gewalthandeln nicht ignorieren[10].

 

Das Themenfeld Gewalt und Geschlecht wird die kriminologische Forschung weiter beschäftigen.



[1]Farrall, S., Jackson, J. & Gray, E. (2009), Social Order and the Fear of Crime in Contemporary Times. Oxford.

[2]Siehe bereits Albrecht, P.-A. & Lamnek, S. (1979), Jugendkriminalität im Zerrbild der Statistik. München, 161.

[3]Köllisch, T. (2007), Risikomanagement und selektive Punitivität als „Kriminalpolitik von unten“: Zum Zeitverlauf des Hell-Dunkelfeldverhältnisses der Jugendgewalt in Deutschland zwischen 1986 und 2003. KrimJ 39/4.

[4]Baier, D. (2008), Entwicklung der Jugenddelinquenz und ausgewählter Bedingungsfaktoren seit 1998 in den Städten Hannover, München, Stuttgart und Schwäbisch Gmünd. Hannover, KFN, 29; vgl. für Schweden Svensson, R. & Ring, J. (2007), Trends in self-reported youth crime and victimization in Sweden, 1995-2005. Journal of the Scandinavian Studies in Criminology and Crime Prevention 8, 185-209.

[5]Farrington, D.P., Coid, J.W. & West, D.J. (2009), The development of offending from age 8 to age 50: Recent results from the Cambridge Study in Delinquent Development. MschrKrim 92/2-3, 160-173.

[6]Moffitt, T., Caspi, A., Rutter, M. & Silva, P.A. (2001), Sex differences in antisocial behavior. Conduct disorder, delinquency, and violence in the Dunedin Longitudinal Study. Cambridge; vgl. Odgers, C.L. et al. (2008), Female and male antisocial trajectories: From childhood origins to adult outcomes. Development and Psychopathology 20, 673-716.

[7]Bruhns, K. & Wittmann, S. (2002), „Ich meine, mit Gewalt kannst du dir Respekt verschaffen“. Mädchen und junge Frauen in gewaltbereiten Jugendgruppen. Opladen; Silkenbeumer, M. (2007), Biographische Selbstentwürfe und Weiblichkeitskonzepte aggressiver Mädchen und junger Frauen. Münster.

[8]Kreager, D.A. (2007), When it’s good to be „bad“: Violence and adolescent peer acceptance. Criminology 45/4, 893-923.

[9]Kling, J.R., Ludwig, J. & Katz, L.F. (2005), Neighborhood effects on crime for female and male youth: Evidence from a randomized housing voucher experiment. Quarterly Journal of Economics 120/1, 87-130; Oberwittler, D. (im Erscheinen), Mädchengewalt – eine Folge der Armutskonzentration in großstädtischen Wohnquartieren, in: D. Oberwittler, S. Rabold & D. Baier (Hrsg.), Städtische Armutsquartiere – Kriminelle Lebenswelten? Studien zu sozialräumlichen Kontexteffekten auf Jugendkriminalität und Kriminalitätswahrnehmungen. Wiesbaden.

[10]Knickmeyer, R.C. & Baron-Cohen, S. (2006), Fetal testosterone and sex differences. Early Human Development 86, 755-760.





 

Artikel



Arbeit, Ausbildung und Freizeit im Langstrafenvollzug
Ausgewählte Ergebnisse einer internationalen Untersuchung zur Menschenrechtssituation im Vollzug langer Freiheitsstrafen

von Kirstin Drenkhahn 


Zusammenfassung

Trotz der großen kulturellen Bedeutung, die den Menschenrechten in der europäischen Politik auch im Hinblick auf Gefangene beigemessen wird, gibt es einen Mangel an Forschung über die Umsetzung dieser Rechte. Der Lehrstuhl für Kriminologie an der Universität Greifswald versucht, diese Lücke mit international vergleichenden empirischen Untersuchungen zu schließen. In einer aktuellen Untersuchung über Langstrafenvollzug und Menschenrechte wurden 1.049 Gefangene aus 11 Ländern zu ihren Lebens- und Haftbedingungen befragt. Es werden erste Ergebnisse zu den Themen Arbeit, Ausbildung und Freizeit berichtet, die deutliche Unterschiede in den nationalen Teilstichproben zeigen und darauf hindeuten, dass noch immer Defizite bei der Umsetzung menschenrechtlicher Vorgaben bestehen.

 

Schlüsselwörter: Menschenrechte, langer Freiheitsentzug, Arbeit, Ausbildung, Freizeit

S. 258-273
 

 

* * *

 


Kultur, Institutionen und Kriminalität
Eine Prüfung der Institutionellen Anomietheorie mit Viktimisierungsdaten aus Europa

 

von Helmut Hirtenlehner, Johann Bacher, Dietrich Oberwittler, Dina Hummelsheim und Jonathan Jackson 

 

Zusammenfassung

Gegenstand der vorliegenden Studie ist eine empirische Überprüfung von Messner & Rosenfelds Institutioneller Anomietheorie mit Befragungsdaten des European Social Survey. Die Institutionelle Anomietheorie versucht international unterschiedliche Kriminalitätsraten aus dem Zusammenwirken kultureller und institutioneller Kräfte zu erklären. Der einschlägige Forschungsstand ist als unbefriedigend und lückenhaft zu beurteilen. Defizite bestehen vor allem im Hinblick auf die postulierten kulturellen Dynamiken. Es wird die erste explizit europäische Prüfung der Theorie vorgestellt. Die Ergebnisse einer Serie von Mehrebenenanalysen, die kombiniert Individualeigenschaften der Befragten und kulturelle und strukturelle Charakteristika der Länder in Rechnung stellen, wecken Zweifel an der Eignung der Theorie zur Erklärung international ungleich verteilter Viktimisierungsrisiken in Europa. Weder die kulturellen Imperative des »American Dream« noch der Umfang anomischer Orientierungen sind in erwartbarer Weise mit dem Kriminalitätsaufkommen verknüpft.

 

Schlüsselwörter: Anomie, Institutionelle Anomietheorie, Kriminalsoziologie

S. 274-299

 

* * *

 


Biologische Faktoren bei forensisch-psychiatrischen Prognosen

 

von Georg Stolpmann, Peter Fromberger, Kirsten Jordan und Jürgen L. Müller 

 

 

Zusammenfassung

Prognosen in der forensischen Psychiatrie werden täglich gefordert und erstellt. Entsprechend den unterschiedlichen Anlässen differiert die prognostische Fragestellung. Für psychiatrische Gefährlichkeitsprognosen werden Risikomerkmalslisten benutzt, bei denen bislang biologische Parameter kaum berücksichtigt werden. Exemplarisch werden (neuro-)biologische Untersuchungsergebnisse und Methoden dargestellt und im Hinblick auf ihre Bedeutung für die forensisch-psychiatrische Prognose diskutiert.

 

Schlüsselwörter: Forensische Psychiatrie, Prognose, Neurobiologie

S. 300-312

 

 

 


 
 

Bericht

 

 

Täter, Opfer und Gesellschaft
Der gegenwärtige Stand der kriminologischen Verbrechensopferforschung - zugleich ein Bericht über das 13. Internationale Symposium für Viktimologie in Mito/Japan (2009)

 

von Hans Joachim Schneider

 

Zusammenfassung

Dieser Literatur- und Kongressreport erörtert den gegenwärtigen Stand der kriminologischen Verbrechensopferforschung. Er befasst sich mit dem heutigen Selbstverständnis der Viktimologie, ihren derzeitigen Theorien und empirischen Studien. Er entwirft ein viktimologisches Ursachenkonzept und diskutiert die sozialstrukturelle, -prozessuale und situa­tive Viktimisierung. Auf die Viktimisierungsstudien wird näher eingegangen, auf ihre Methoden, ihren Ursprung, ihre phänomenologischen und ätiologischen Ergebnisse. Über das 13. Internationale Symposium für Viktimologie in Mito/­Japan (2009) wird berichtet. Abschließend werden die Folgen der Verbrechensopferforschung für die Opferpolitik skizziert.

 

Schlüsselwörter: Viktimisierung, Re-Viktimisierung, Mehrfachviktimisierung, Sekundärviktimisierung, Viktimisie­rungstrauma, Täter-Opfer-Interaktion, Opferanfälligkeit und -verwundbarkeit, psychosoziales dynamisches Verursachungs­konzept der Viktimisierung, institutionelle Viktimisierung

S. 313-334
 

 

Mitteilungen

One World, One Family, Many Cultures
XVIII International Congress of the International Society for Prevention of Child Abuse and Neglect (ISPCAN), September 26-29, 2010 in Honolulu, Hawai/USA

S. 335

Kooperation im Jugendstrafverfahren: Wie die Verfahrensbeteiligten besser kooperieren
Veranstaltung der DVJJ e.V., 15.-17. November 2010 in Frankfurt/M.

S. 335

Global Socio-Economic Crisis and Crime Control Policies: Regional and National Comparison
16th World Congress of the International Society for Criminology, August 5-9, 2011 in Kobe/Japan
Call for Papers (August 1, 2010 until January 31, 2011)

S. 335




Buchbesprechungen

 

Müller, Jürgen 

Neurobiologie forensisch-relevanter Störungen
Grundlagen, Störungsbilder, Perspektiven
Kohlhammer Verlag, Stuttgart 2010, 484 Seiten

von Ulrich Eisenberg, Berlin

S. 336-338
Wilkinson, Richard/Pickett, Kate 

Gleichheit ist Glück
Warum gerechte Gesellschaften für alle besser sind
Tolkemitt Verlag bei Zweitausendeins, Berlin 2009, 320 Seiten

von Sebastian Scheerer, Hamburg

S. 338-339
 


Seite aktualisiert: 18.08.2010    u.auerbach@mpicc.de

 


© Carl Heymanns Verlag • Impressum • Datenschutz