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  Gastkommentar - DRiZ 2001, 349 - 
 

Auf dem Podest der Bedeutung

 Von Annette Ramelsberger
Süddeutsche Zeitung
 
 

Es hört sich paradox an – aber Angst kann unheimlich beruhigen. Wenn die Angst nur groß genug ist, dann gibt es keine Handlungsspielräume mehr, dann muss man nichts mehr tun. Denn die Angst ist ja so groß. Alle verstehen das. Da fragt keiner, warum man nicht eingreift.

Angst ist eine wunderbare Ausrede. Angst entschuldigt so viel. Und vielleicht haben deshalb so viele Leute so schreckliche Angst. Als Bundestagspräsident Wolfgang Thierse im Mai die Insel Usedom besuchte, fiel ein blondes, hübsches Mädchen auf, das ganz offensichtlich mit den örtlichen Rechtsextremisten freundlichen Umgang pflegte. Sie gehe mit ihnen aus, erklärte sie. Sie habe auch keinerlei Probleme mit den rechten Jugendlichen. Sie ließen sich eben gegenseitig gelten. Auf die Frage, wie sie reagieren würde, wenn ihre rechten Freunde Ausländer anpöbelten oder gar zusammenschlügen, sagte die junge Frau: »Ich würde nichts dagegen sagen, da hätte ich Angst.« Wie praktisch.

Sie hielt es für eine Zumutung, was Thierse da gerade verlangt hatte. Der Bundestagspräsident hatte erzählt, dass Rechte einen Mann überfallen hatten – in Sichtweite einiger Taxifahrer. Keiner der Fahrer habe sich eingemischt. Keiner habe auch nur über Funk die Polizei alarmiert. Der Mann wurde totgeprügelt. Die hätten wenigstens die Polizei rufen können, sagte Thierse, dazu gehöre kein Mut. Die junge Frau von Usedom hätte auch nicht eingegriffen, gab sie zu. »Ich hätte keine Lust, wenn mir die Rechten dann drei Tage später das Auto verbeulen.« Vielleicht sei sie ja auf das Auto angewiesen. Sie halte sich lieber raus.

Sich raushalten, sich nicht einmischen oder zur Not eben schrecklich Angst haben – das ist eine Haltung, die nicht nur auf Usedom vorkommt. Feigheit wirkt offenbar ansteckend: Wenn sich im wohlanständigen Dorf in Oberbayern die Rathaus-Angestellte nicht traut, den halbwüchsigen Baby-Skins auf dem Dorfanger zu sagen, dass ihre laute Musik sie in den Wahnsinn treibt – nur weil die sie vielleicht schräg ansehen könnten. Gleichzeitig ihr Bürgermeister aber beteuert, Rechte gebe es im Dorf gar nicht. Wenn sich der Lehrer in Dessau fürchtet, seinem Schüler die Jacke mit dem Hakenkreuz zu konfiszieren – gleichzeitig aber erklärt, der meine das sicher nicht ernst mit diesem radikalen Gerede. Wenn der Rentner auf dem Balkon im dritten Stock zwar sieht, wie unten ein Mensch gejagt wird – aber statt zum Telefon zu greifen lieber die Jalousie herunterlässt. Oder wenn ein paar Lehrer im Harz die Kollegen aus dem Westen beknien, nur ja keine Anzeige wegen eines rechten Überfalls zu erstatten – weil sie ja weiter mit den Schlägern leben müssten. Aber natürlich betonen, ihre Stadt sei auf keinen Fall eine rechte Hochburg. Anderswo sei es viel schlimmer.

Es ist ein eigenartiges Phänomen: Dort, wo die Präsenz der Rechten überdeutlich ist, wird sie klein geredet. Dort, wo sie kaum auftauchen, werden sie als Schreckgespenst übergroß an die Wand gemalt. Beides zielt in die gleiche Richtung: Wenn eine Gefahr nicht da ist, muss man sich nicht drum kümmern. Wenn eine Gefahr aber sehr groß ist, kann man kaum etwas gegen sie tun. Neuerdings stilisieren sich viele schon zu Helden, wenn sie nur deutlich sagen, dass sie Rechtsextremismus nicht dulden. Wenn sich plötzlich jeder Diskutant als antifaschistischer Kämpfer fühlt, nur weil er ein paar demokratische Selbstverständlichkeiten ausspricht, wenn plötzlich keiner mehr seinen Namen für ein Zitat geben will, das weder außergewöhnlich ist noch mutig, wenn plötzlich schon für alltägliche Zivilcourage nach Polizeischutz gerufen wird – dann ist das die Verklärung dummer, oft feiger Skinheads zu einer Gefahr für den Staat. Es ist der Lift auf das Podest der Bedeutung, das ihnen erst die Einschüchterung ermöglicht. Kaum ist irgendwo eine Glatze zu sehen, rufen manche nach der Polizei. Die soll dann alles richten, wahlweise auch der Staatsanwalt oder die Politik.

Was helfen aber alle Aussteigerprogramme von Ländern und Bund zusammen, um die Jugendlichen wieder aus der rechten Szene rauszuholen – wenn man sie so einfach reinkommen lässt? Was soll denn einen Rechtsradikalen davon abhalten, in Kameradschaften und Skinheadszenen einzutauchen, wenn er keinerlei Nachteile davon befürchten muss. Wenn ihn sein Lehrherr nicht wegen Bomberjacke und Springerstiefel anspricht, sondern darüber hinwegsieht – Hauptsache, der Junge macht ordentliche Arbeit. Wenn er weiterhin in alle Jugendclubs gelassen wird und dort sogar Hass- und Gewalt-Musik auflegen darf – Hauptsache, er fängt nicht an zu schlagen. Und wenn selbst Eltern eine Art Apeasement-Politik betreiben (»Rechte Musik nur in deinem Zimmer, nicht in meinem Auto«) – Hauptsache, die kahl geschorenen Freunde des Sohnes machen nicht zuviel Lärm.

Dieses Hinweg-Sehen wurde sogar zum Programm erhoben: akzeptierende Jugendarbeit nennt man das, kritische Integration. Erst als die Jugendclubs in der Hand von Rechten waren, erst, als die Übungsräume von Skinhead-Bands besetzt waren, erst als von den Clubs Schläger auszogen, um ihnen nicht genehme Menschen anzugreifen, erkannten die Gemeinden: Integration war das schon, die Kritik hatte man vergessen. Den Rechten hat das nicht das Gefühl gegeben, es hätte jemand etwas gegen sie. Das hätten die anderen machen können, der Lehrherr, die Lehrer, der Sozialarbeiter oder die Eltern. Aber die hatten vermutlich Angst. Das wird sie zumindest selbst sehr beruhigen.


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